14.09.2020 - Branchennews, Pressemitteilungen,

Ausruhen im Roatel

Roatel-Geschäftsführer Christian Theisen im Interview

von Rainer Wiek

Roatel macht den Überseecontainer zur wertig ausgestatteten Hotel-Box und will so das Übernachtungsproblem an der Autobahn lösen helfen.

 

Wer viel mit dem Auto auf der Autobahn unterwegs ist, kennt die Bilder: überfüllte Rastplätze und Lkw-Schlangen bis weit auf die Zufahrt. Mobilitätsexperten dringen seit langem darauf, sich endlich dem Problem fehlender Übernachtungsmöglichkeiten an der Autobahn anzunehmen, zumal sich die Situation mit den für die Zukunft zu erwartenden steigenden Verkehrsleistungen noch weiter verschärfen dürfte.

Und dann ist da ja noch die gesetzliche Lage. Ende Mai hat der Gesetzgeber im novellierten Güterkraftverkehrsgesetz das Verbringen der regelmäßigen wöchentlichen Ruhezeit im Fahrzeug auch in Deutschland für rechtswidrig erklärt. Bei Verstößen dagegen drohen empfindliche Bußgelder: 1.500 Euro zahlt der Unternehmer und noch einmal 500 Euro der Fahrer. Der Europäische Gerichtshof hat diese Regelung in einem Urteil im gleichen Jahr für rechtens er- klärt, festgezurrt sind die Vorschriften zu den Wochenruhezeiten inzwischen im EU-Mobilitätspaket I, das in diesem Sommer verabschiedet wurde.

Berufskraftfahrer müssen ihre Wo- chenruhezeit nun also an einem, wie es heißt, Ort „mit geeigneter Schlafmöglichkeit außerhalb des Fahrzeugs“ verbringen. Doch wie das, wenn es an Möglichkeiten fehlt? Auf 50.000 bis 120.000 Betten schätzen Marktexperten den täglichen Bedarf an Übernachtungsmöglichkeiten in der Bundesrepublik derzeit, Tendenz steigend. Das tatsächliche Angebot vor allem an den aktuell 625 Autobahnraststätten und Autohöfen reicht aber bei weitem nicht aus.

Innovative Konzepte sind also gefragt, und ein ganz Besonderes hat die Düsseldorfer Roatel GmbH erdacht: High-Cube-Seecontainer, die zu vollwertigen Mini-Hotels aus- und umgebaut werden.

 

„WIN-WIN-WIN-WIN-SITUATION“

„Unser Geschäftsmodell ist quasi eine Win-Win-Win-Win-Situation“, sagt Christian Theisen, Geschäftsführer der in Düsseldorf beheimateten Roatel GmbH, im Gespräch mit der tankstellenWelt. „Einerseits lösen wir das Übernachtungsproblem der Kraftfahrer bzw. deren Arbeitgebern. Und dann bieten wir unseren Standortpartnern eine weitere Einnahmequelle und die Steigerung der Attraktivität ihres Standortes. Der Gesetzgeber wiederrum erreicht sein Ziel, die Branche zu regulieren, Kraftfahrern adäquate Übernachtungen zu ermöglichen und die Autobahnen verkehrssicherer zu machen. Und wir schaffen mit den Roatels ein neues, interessantes Marktsegment jenseits von Hotels, Motels oder Fernfahrerzimmern.“

Die Roatel-Hotel-Box selbst ist ein 45 Fuß High Cube-Seecontainer. Nach Dämmung und Innenausbau bietet dieser etwa 28 Quadratmeter Wohnfläche bei 2,5 Meter Deckenhöhe – „ausreichend Platz zum Ausruhen und Wohlfühlen“, sagt Theisen, der das 2019 gegründete Unternehmen zusammen mit Ralf-Peter Kals und Martin Swart leitet.

 

Das Besondere, der„USP“ von Roatel?

„Wir bieten eine Lösung, die schnell installiert und in Betrieb genommen werden kann“, so Theisen weiter. Investitionen seitens des Standortpartners seien – wenn überhaupt – nur in geringem Umfang nötig. Zudem könne sein Unternehmen „flexibel und zeitnah“ auf eine höhere oder zu geringe Nachfrage reagieren. Der Partner habe zudem nichts nicht mit der Vermietung und Reinigung der Zimmer zu tun. Theisen: „Die Roatel-Zimmer werden bundesweit beworben und können zentral über unsere Roatel-Plattform gebucht und bezahlt werden. Personal vor Ort wird nicht benötigt. Check-in und Check-out erfol- gen über das Smartphone, mit dem man dann auch die Tür öffnen kann.“ Digitalisierung pur – die Zukunft der Mobilität.

 

Und wen adressiert Roatel als Kunden, was sind die Zielgruppen?

„In erster Linie sprechen wir natürlich die Arbeitgeber der Kraftfahrer an, die aufgrund der neuen Gesetzgebung die durchgehende Ruhezeit von 45 Stunden nicht mehr in ihren Lkw verbringen dürfen“, erklärt Theisen. Darüber hinaus könne aber auch jeder Kraftfahrer in den Roatels übernachten. „Sie sind wertig ausgebaut und verfügen über Dusche und WC. Wir sind uns daher sicher, dassviele Kraftfahrer dies auch unabhängig von dem Kabinenschlafverbot gerne regelmäßig nutzen werden. Insofern bieten wir Arbeitgebern aus der Logistikbranche die Möglichkeit, mit unserem Angebot gute Mitarbeiter an ihr Unternehmen zu binden, indem sie Kontingente für ihre Fahrer reservieren.“

Aber natürlich könne auch jeder andere Reisende, seien es Pendler, Handwerker, Geschäftsleute oder auch einfach nur privat Reisende, die Zimmer buchen, betont der Roatel-Manager weiter: „Wer schon einmal acht Stunden Fahrt hinter sich hatte und noch weitere vier Stunden vor sich, der wird sich glücklich schätzen, nicht noch von der Autobahn abfahren zu müssen, um ein Hotel zu finden.“

 

Womit man bei der Standortfrage ist. Wo sollen die Roatels errichtet werden?

„Die Autobahnraststätten und Autohöfe direkt an der Autobahn sind naturgemäß die idealen Aufstellorte für Roatels, da dort unsere potenziellen Übernachtungsgäste heute schon parken. Mit einigen Betreibern sind wir insofern im Gespräch“, sagt Theisen.

Zuletzt seien zudem viele Autohöfe zwar in unmittelbarer Nähe, aber dennoch in einigem Abstand zur Autobahn entstanden, weitere würden geplant. „Diese Standorte sind für uns ebenfalls interessant und die Betreiber versprechen sich, mit unserer Lösung noch mehr Lkw dazu bewegen zu können, von den Autobahnen für ihre Rast- und Ruhezeit abzufahren.“ Auch hier, bestätigt Theisen, gebe bereits viele Gespräche.

 

TANKSTELLENBRANCHE SEHR INTERESSIERT

„Was wir tatsächlich zunächst nicht auf unserer Rechnung hatten, sind die vielen Tankstellen in Autobahnnähe, die heute schon Lkw-Parkplätze zur Übernachtung anbieten oder ein solches Angebot in der Planung haben. Mit verschiedenen Tankstellennetzen sprechen wir bereits über konkrete Standorte“ erklärt Roatel-Geschäftsführer Theisen gegenüber der tankstellenWelt weiter. „Und vereinzelt hat unser Konzept bereits auch das Interesse von Grundstückseigentümern und Kommunen geweckt, die aktuell unter wild parkenden Lkw leiden und die sich mit unserem Konzept eine Lösung ihres Problems versprechen.“

 

Wer baut die Roatel-Container?

Theisen wünscht sich an dieser Stelle eine Begriffsklärung: „Wir verwenden lieber den Begriff ‚Hotel-Box‘ oder ‚Roatel‘ statt Container, weil dies immer mit den weithin bekannten Notunterkünften assoziiert wird.“ Für die Roatels verwendet Roatel ausschließlich Überseecontainer aus Stahl, das Konzept wurde in Eigenregie zusammen mit einem Planungsbüro und entsprechenden Ingenieuren entwickelt. Jedes Roatel erhält vier Einzelzimmer mit jeweils Dusche und WC. Die Möbel seien wertig, Brand- und Lärmschutz sowie Einbruchssicherheit seien gewährleistet, so Theisen.

 

„MADE IN GERMANY“

Die Einheiten werden von einem deutschen Unternehmen, das auf hochwertige Möbel im Geschäfts- und Privatbereich sowie den Fahrzeug-Innenausbau spezialisiert ist, in Deutschland produziert. „Made in Germany ist uns sehr wichtig, weil wir sonst nicht unseren hohen Qualitätsstandard erreichen könnten“, sagt der Roatel-Geschäftsführer.

 

Wie läuft ein Projekt bezogen auf Planung und Umsetzung konkret ab?

„Zunächst schauen wir uns den potenziellen Standort an und diskutieren mit dem Partner die Wirtschaftlichkeit. Dabei sind die Nähe zur Autobahn, vorhandene Lkw-Stellplätze und mögliche Synergien mit anderen Dienstleistungen am Standort von Bedeutung“, erläutert Theisen. Kommt es dann zur Vertragsunterzeichnung, müsse zunächst ein Bauantrag gestellt werden, „und da sind bekanntermaßen die Behörden ganz unterschiedlich schnell. Unsere bisherige Erfahrung ist, dass Partner, die ohnehin einen neuen Standort planen, die optimalen Voraussetzungen mitbringen, da sie das Roatel mit in den eigenen Planungsprozess integrieren können.“ Aber, bemerkt Theisen weiter, auch bei bestehenden Standorten gebe es meist bestehende Kontakte zwischen dem Standortpartner und den dort zuständigen Baubehörden.

 

AN EINEM TAG AUFGESTELLT

Vor der Aufstellung müssten dann noch Versorgungsleitungen bereitgestellt und Punktfundamente gesetzt werden. Der Bau der Einheiten erfolge direkt im Werk, für die eigentliche Aufstellung vor Ort werde lediglich ein Zeitfenster von einem Tag benötigt, betont Theisen.

 

Und wie sieht das Geschäftsmodell aus?

„Unser Geschäftsmodell ist, das Übernachtungsproblem an den Autobahnen zu lösen. Dazu gehört nicht nur die Entwicklung des Roatels, sondern auch der Hotelbetrieb als solches. Die Roatels werden von uns also nicht verkauft. Unsere Partner müssen – bis auf die Versorgungsanschlüsse – keine Investitionen tätigen, sondern erhalten von uns eine Pacht gezahlt. Zusätzlich können sie – wenn gewünscht – Teile unserer Dienstleistungen übernehmen und wer- den dafür von uns ebenfalls entlohnt“, so Theisen, und weiter: „Für Standorte, für die nach unserer Wirtschaftlichkeitsanalyse der Betrieb eines Roatels nicht geeignet ist, können wir auch über einen Verkauf der Hotel-Boxen reden. Dann müsste das Roatel aber vom Eigentümer in Eigenregie betrieben werden.“

 

2021 JAHR DES ROLL-OUTS

Das Konzept steht, das Partnernetzwerk ebenso, der Roatel-Roll-out könne also starten, sagt Theisen zur tankstellenWelt. Aktuell sei eine Hotelbox im internen Testbetrieb, und für eine weitere sei die Baugenehmigung bereits erteilt. Die Zimmer seien aktuell also noch nicht für Gäste buchbar. Aber: „Bis Ende des Jahres wollen wir vier Einheiten in Betrieb nehmen. Im kommenden Jahr soll der Roll-out dann deutlich an Fahrt gewinnen“, verspricht Theisen: „Die Produktionskapazitäten werden gerade entsprechend ausgebaut.“

 

Ist Roatel auch ein Modell für andere europäische Märkte?

Theisen: „Wie beginnen zunächst mit dem deutschen Markt. Natürlich ist die DACH-Region insgesamt interessant. Wir würden uns über entsprechende Nachfrage freuen.“

 

 

Quelle: tankstellen Welt, ISSN 2196-1247, 2020, Ausgabe 11, S. 56ff.

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